Gesundheit und medizinische Versorgung

Traumatisierte Kinder mit Fluchterfahrung finden Schutz und Sicherheit in Kitas

Nach einer langen, anstrengenden und gefährlichen Flucht sind geflüchtete Kinder oft traumatisiert. Sie brauchen dann ganz besonders einen sicheren Ort, an dem sie sich wohl fühlen. Die Kita kann ein solcher Ort sein.

Was ist ein Trauma?

Ein Trauma ist eine seelische Verletzung. Sie entsteht, wenn Menschen bestimmte Erlebnisse nicht verarbeiten können. Bei geflüchteten Kindern sind auslösende Ereignisse zum Beispiel im Heimatland der Tod der Eltern, Verfolgung durch Terroristen, Hunger, sexuelle Misshandlungen, Zwangsheirat oder der Dienst als Kindersoldat. Auch auf dem Fluchtweg sind Kinder und besonders unbegleitete Minderjährige vielen Gefahren ausgesetzt. Denn oft wird ihre Schutzbedürftigkeit ausgenutzt.

In all diesen Momenten erleben Kinder extreme Angst und erleiden große Schmerzen – körperlich wie seelisch. Als Folge wird „das Erleben“, so Marianne Rauwald vom Institut für Trauma-Bearbeitung und Weiterbildung Frankfurt, „ganz anders gespeichert und nicht mehr psychisch verarbeitet. Deswegen bleibt ein traumatisches Erlebnis körperlich verankert. Es bleibt im Körper stecken.“

Körperliche Anzeichen von Traumata

Ob geflüchtete Kinder traumatisiert sind, können Erzieherinnen und Erzieher in der Kita oft an bestimmten Verhaltensweisen erkennen. Besonders wenn die traumatischen Ereignisse erst vor kurzer Zeit erlebt worden sind, äußert sich das Trauma in körperlichen Reaktionen. Zum Beispiel sind traumatisierte Kinder häufig sehr müde. Grund dafür können Alpträume oder das fehlende Gefühl von Sicherheit in den Gemeinschaftsunterkünften sein.

Laut Rauwald versuchen traumatisierte Kinder dem Hier und Jetzt zu entkommen. Das zeigt sich zum einen an einem überdrehten Verhalten der Kinder. Sie können dann sehr fröhlich sein, aber auch impulsiv und aggressiv. Andere Kinder hingegen sind sehr zurückgezogen und wirken depressiv. Zum anderen können Kinder mit Traumata abwesend scheinen. Das können Mitarbeitende in Kitas daran erkennen, dass die Kinder „anfangen zu Starren oder aus dem Fenster zu schauen“, so Marianne Rauwald. „Irgendwie merkt man: Die Kinder sind gar nicht hier.“ Als Folge von schweren Traumatisierungen, die nicht behandelt werden, können sich die Kinder allerdings auch selbst verletzen oder Suchtverhalten zeigen.

Weitere Symptome traumatisierter Kinder

Außerdem kommt es vor, dass Kinder stets gleiche Szenen nachspielen oder malen, die in Zusammenhang mit der traumatischen Erfahrung stehen. Hierbei haben die Kinder jedoch oft kein Bewusstsein dafür, in welchem Zusammenhang ihr Spiel mit ihren Erlebnissen steht. Die allgemeine Verunsicherung traumatisierter Kinder erschwert es ihnen sich ihrer Umwelt zu öffnen. Auch vermeintlich harmlose Alltagssituationen, Geräusche oder Gerüche können traumatisierte Kinder mit einer erlebten Gefahr verbinden. Dann erleben die Kinder ihre traumatischen Ereignisse erneut. Als Reaktion darauf verstecken sie sich, beginnen zu weinen oder sind verängstigt.

Für Außenstehende ist es nicht leicht, ein solches Verhalten direkt mit der Ursache zu verbinden. Das Einsteigen in eine Straßenbahn oder einen Bus zum Beispiel bei Ausflügen verängstigt einige junge Geflüchtete. Sie verbinden diese Verkehrsmittel mit ihrer Flucht und enormen Stresssituationen. Wie in allen anderen Bereichen der Arbeit mit Kindern gilt auch beim Thema Trauma, dass bestimmte Verhaltensmuster bei traumatisierten Kindern gehäuft auftreten. Am Ende reagiert jedoch jedes Kind individuell auf seine seelische Verletzung.

Was können Pädagogen in der Kita leisten?

Viele Fachleute sind der Meinung, dass Traumata nicht nur von Psychotherapeuten behandelt werden können und sollten. Vielmehr ist es wünschenswert, dass auch im alltäglichen Umfeld Räume geschaffen werden, in denen Kinder Stabilität finden. Kitas sind hierbei entscheidende Orte. Hier können traumatisierte Kinder Schutz und Ruhe finden und ihr neues Umfeld Schritt für Schritt kennenlernen. Das ist wichtig, um wieder Vertrauen aufzubauen.

Erwachsene Begleiter können in Kitas einen Rahmen schaffen, in dem sich geflüchtete Kinder sicher fühlen und mit ihren besonderen Bedürfnissen ernst genommen werden. Laut Marianne Rauwald ist es sehr wichtig, dass „sie sich selber erleben können, als jemand, der wieder lernen und selbst Entscheidungen treffen kann“. Hierzu gehört es auch, den Kindern Möglichkeiten zu bieten, ihre eigenen Stärken, Fähigkeiten und Wünsche zu entdecken und sie darin zu stärken letztere auszuleben.

Welche methodischen Ansätze gibt es?

Das Wiedererleben von traumatischen Erinnerungen kann extreme Verhaltensweisen auslösen. Umso wichtiger ist es, dass erwachsene Begleiter mögliche Auslöser kennenlernen, um sie zu vermeiden. Befinden sich Kinder in ihrer traumatischen Erinnerung, brauchen sie besondere Aufmerksamkeit. Daher bietet es sich an, dass eine der betreuenden Personen, sich mit dem Kind an einen ruhigeren Platz zurückzieht. Dort kann man den jungen Geflüchteten vermitteln, dass sie sich gerade in Sicherheit befinden.

Ebenso hilft es, die Kinder immer wieder in das Hier und Jetzt zu holen. Das kann beispielsweise mittels Atemübungen und dem Spüren des Körpers gelingen. Auch Fragen, die sich auf die unmittelbare Gegenwart beziehen, können den Unterschied zwischen traumatischer Vergangenheit und aktueller Gegenwart verdeutlichen.

Auf längere Sicht ist es hilfreich, wenn es in der Kita eingespielte Abläufe gibt, mit Hilfe deren die Betreuer auf die traumatisierten Kinder gezielt eingehen können. Wichtig ist, dass die Kinder erleben, dass die betreuenden Personen, die Situation unter Kontrolle haben. Dadurch können sie ein Gefühl von Sicherheit entwickeln und Vertrauen in sich und ihre Umgebung zurückgewinnen. Auch der Kontakt zu Fachzentren wie beispielsweise Traumazentren, Psychotherapeutenkammern oder Gesundheitsämtern bietet für Kitas eine gute Unterstützung.

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