Ausbildung und Berufseinstieg Schule

Übergang Schule – Beruf: Brandenburger Bündnisse bekommen Impulse in Bayern

Im Landkreis Schwandorf in der bayerischen Oberpfalz hat sich ein erfolgreiches Netzwerk aus Berufsschule, Unternehmen und Jugendamt etabliert, das junge, unbegleitete Geflüchtete unterstützt. Eine Delegation aus den Landkreisen Elbe-Elster und Teltow-Fläming lernte während einer eintägigen Hospitation die Akteure und Konzepte vor Ort kennen. Die Teilnehmenden stellten fest, dass sich die Probleme und Herausforderungen trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen gleichen und neue, kreative Ideen nötig sind.

165 Geflüchtete werden am Berufsschulzentrum in Schwandorf unterrichtet

Die Bedingungen in Schwandorf, jungen Geflüchteten das Bleiben zu ermöglichen, wurden gut gestaltet, was aber sicher nicht typisch für ganz Deutschland sei, stellten die Teilnehmenden aus Brandenburg während ihrer eintägigen Hospitation fest. Das Bundesprogramm „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und dem Bundesfamilienministerium hatte diesen intensiven Tag des Austausches und der Begegnungen für 13 Schulleitende, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie Mitarbeitende von Arbeitsagenturen und Beratungsstellen aus Brandenburg organisiert. Erste Station war das Oskar-von-Miller Berufsschulzentrums in Schwandorf.

Damit Bildungserfolg gelinge, brauche es Mitarbeitende in allen Institutionen und engagierte Lehrkräfte, die sich gemeinsam dazu entscheiden, sich weit über ihr bisheriges Jobverständnis hinaus einzusetzen. Aber vor allem auch Unternehmen, die den jungen Leuten eine Chance geben, fasste Werner Nagler, Lehrer am Oskar-von-Miller Berufsschulzentrum, zusammen: „Herzblut, aber auch ein Stück Naivität und ein offenes Zugehen auf die jungen Geflüchteten sind gute Voraussetzungen für das Wagnis, junge Menschen mit vollkommen unterschiedlichen Bildungserfahrungen bei uns eine reale Chance zu geben.“

Nagler hatte vor sechs Jahren begonnen, einen Fachbereich für Geflüchtete aufzubauen, was innerhalb seines Kollegiums nicht unumstritten sei, berichtete er. Im Moment laufen die zweijährigen Vorbereitungsklassen, sogenannte Berufsintegrationsklassen (BIK) exklusiv für 165 Geflüchtete zwischen 16 und 21 Jahren, um sie sprachlich und fachlich für eine Ausbildung fit zu machen.

Schule und Bildungsträger ziehen an einem Strang

In Bayern gibt es ungefähr 1.200 sogenannte Berufsintegrationsklassen (BIK) an Berufsschulen, die gemeinsam mit einem Bildungsträger angeboten werden. In Schwandorf sind dies das Kolping-Bildungswerk und das Berufliche Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft (bfz). Neben der  sozialpädagogischen Unterstützung unterrichten die Mitarbeiter dieser Einrichtungen vor allem Deutsch als Zweitsprache (DaZ). In diesem pädagogischen Setting „ist Pädagogik vor allem Beziehungsarbeit, für die Geflüchteten sind die Lehrer und Sozialarbeiter Familienersatz“, schilderte Nagler. Für Jugendliche, die noch nie oder nur sehr kurz in ihrem Herkunftsland eine Schule besucht haben, bietet das bayerische System darüber hinaus mit den sogenannten Sprachintensiv-Klassen (SIK) eine sprachliche Grundsensibilisierung, beispielsweise Alphabetisierung, an, das dem BIK-System vorgeschaltet ist.  In beiden Systemen wird neben der sprachlichen Förderung auch die Begleitung in den verschiedenen Lebensbereichen geleistet.  

Das Lehrerkollegium müsse sich interkulturell öffnen, sich weiterbilden und vor allem auch traumatisierte Jugendliche erkennen. Nicht um sie zu therapieren, sondern um ihr Verhalten einordnen zu können. Interkulturell zu denken, „das ist unsere Zukunft“, betonte Nagler. Besonders bewährt habe sich im Unterricht und in gemeinsamen Projekten mit Schülerinnen und Schülern aus Regelklassen auch Filme, Literatur und Kunst einzusetzen. Diese Aspekte wurden in dem mit dem Kulturförderpreis des Bezirks Oberpfalz bedachten Projekt Crossing Lifelines  maßgeblich umgesetzt. Auch das gemeinsam mit den Geflüchteten auf Deutsch und Arabisch gestaltete Kinderbuch „Amani sieh nicht zurück“ trägt dem Begegnungscharakter Rechnung. Aber nicht alle im Kollegium könnten diesen Weg mitgehen, für manche seien die Themen und Geschichten der Geflüchteten zu viel, auch das müsse man akzeptieren.

Unterschiede zwischen Brandenburg und Bayern  

Für ihre Bewerbung um eine Lehrstelle müssten die Jugendlichen ein Sprachzertifikat nachweisen, die Schule dürfe dies aber nicht ausstellen, sondern die Jugendlichen müssten diesen Nachweis privat bezahlen, kritisierten die pädagogischen Fachkräfte. Die kostenpflichtige Ausstellung der Sprachzertifikate sei auch in Brandenburg ein Problem, da die Jugendlichen kaum Geld zur Verfügung hätten, schilderte Gerd Herpay, der im Jugendamt Teltow-Fläming für die Familienhilfe zuständig ist, die Situation. Noch mehr Kooperation mit einem Bildungsträger wünschten sich die Brandenburger Pädagoginnen und Pädagogen, „wir müssen vieles alleine machen“, beschrieb Rainer Böhme, Schulleiter am Oberstufenzentrum Elbe-Elster in Elsterwerda. In Brandenburg heißen die zweijährigen BI-Klassen „Berufsfachschule Grundbildung Plus”, beide haben dieselben Inhalte: Deutsche Sprache erlernen, Mathematik, Wirtschafts- und Sozialkunde und berufliche Praktika.

Auch die Vermittlung von Lehrstellen ist im Landkreis Schwandorf einfacher, da es hier bereits eine Reihe mittelständischer Betriebe gibt, die gute Erfahrungen in der Ausbildung migrierter Jugendlicher haben. In Brandenburg gebe es zwar ebenfalls eine ganze Reihe offener Ausbildungsplätze, jedoch auch viele Unsicherheiten und Vorurteile, diese mit geflüchteten Jugendlichen zu besetzten. Dabei spiele sowohl der rechtliche und administrative Mehraufwand eine Rolle als auch die Sorge, dass die Belegschaft die Unterstützung im Erlernen der Fachsprache und Abläufe verweigert.

Traumatisierte Jugendliche bringen Lehrer und Sozialarbeiter immer wieder an ihre Grenzen
Eine andere Form der Beschulung findet in Schwandorf an der sonderpädagogischen Berufsschule St. Marien statt, die an der betreuten Wohngruppe „Haus zum guten Hirten“ der katholischen Jugendfürsorge angesiedelt ist. Derzeit leben dort sechs Mädchen und immer wieder stellen die pädagogischen Fachkräfte fest, dass ihre Schülerinnen traumatisiert seien, deshalb ist in der Einrichtung auch eine Psychologin innerhalb von Minuten vor Ort, wenn ein Jugendlicher psychische Unterstützung braucht. Diese Situationen seien für Lehrkräfte belastend, man müsse einiges aushalten und Neues lernen, damit man in diesem Bereich gut arbeiten könne. Denn zu ihren Aufgaben gehöre nicht nur die Vermittlung von Wissen, sondern auch die feinfühlige Beratung der Jugendlichen, schilderte die Lehrerin Patrizia Broser, die die Schülerinnen gemeinsam mit Werner Nagler betreut.

Übergang von der Berufsintegrationsklasse in eine Lehrstelle

Für die Firma Horsch, die weltweit mit 1.600 Mitarbeitenden Landmaschinen für die Bodenbearbeitung herstellt, sei es eine Verpflichtung, nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch etwas für andere, für die Gesellschaft zu tun, fasste Firmengründer Michael Horsch die Motivation des Unternehmens zusammen. Horsch bildet zusätzlich zu den regulären 80 Auszubildenden auch zehn geflüchtete junge Menschen aus. „Unser Unternehmen lebt vom Export, wir können uns gegenüber Neuem und Fremden nicht verschließen“, erklärte Horsch den Gästen aus Brandenburg. „Vor drei Jahren hatten wir über Praktika und Betriebsbesichtigungen unseren ersten Kontakt zu Geflüchteten.  Im September 2016 haben wir dann begonnen, Geflüchtete auszubilden. Vorausgesetzt wurde der erfolgreiche Abschluss der BI-Klasse und deutsche Sprachkenntnisse auf mindestens B1 Niveau. Manche hatten in ihrem Heimatland oder auf der Flucht schon Arbeitserfahrung gesammelt, kannten aber die Arbeitsschutzvorschriften nicht und wussten nicht, wie man die Arbeitshandschuhe anzieht, andere hatten noch nie einen Spanngurt gesehen. Natürlich mussten wir auch unseren Mitarbeitern ihre Ängste nehmen und boten interkulturelle Trainingseinheiten an“, erzählte Personalchef Gerhard Springs.

Ganz wichtig sei der Runde Tisch, an dem sich die Mitarbeitenden der Verwaltung und der Ausländerbehörde, der Berufsschule, des Betriebs und der freien Träger regelmäßig zusammensetzten. Was alle verbindet: der Wille, es gemeinsam zu schaffen. Die Firma habe sich zum Beispiel auch dafür stark gemacht, dass die Auszubildenden nicht in einer Gemeinschaftsunterkunft, sondern in zwei Wohngemeinschaften leben und lernen können.

Berufsschulunterricht – eine weitere Herausforderung für alle

Alois Meyer unterrichtet am Berufsschulzentrum in Schwandorf Lehrlinge während ihrer Ausbildung. Von der Idee, die Geflüchteten gemeinsam mit einheimischen Lehrlingen zu unterrichten, habe er sich schnell verabschiedet, da die Voraussetzungen zu unterschiedlich waren. Für die zehn Auszubildenden der Firma Horsch und fünf weitere Geflüchtete, die in anderen Betrieben ausgebildet werden, wurde ein neue Klasse eingerichtet. Sie erlernen den Beruf „Fachkraft Metalltechnik“, da diese Qualifikation gebraucht werde, schilderte Meyer. Besonders in den Bereichen Mathe und Naturwissenschaften hatten seine Schülerinnen und Schüler große Lücken, auch die Fachsprache sei eine große Hürde. Es wurde zusätzlicher Förderunterricht angeboten. Zum Glück erklärte sich ein junger Kollege bereit, samstags noch Sprachunterricht anzubieten. Von den 15 Schülern, die mit der Ausbildung starteten, lernen im Moment zehn fleißig für die Abschlussprüfung im Mai und er sei inzwischen überzeugt, dass es alle schaffen werden.

Es gibt auch kritische Stimmen in Schwandorf, die Unmut über die zusätzlichen Unterstützungsangebote für Geflüchtete äußern. Die Firma Horsch fördert aber die Vielfalt in seinem Unternehmen auch aus wirtschaftlichem Eigeninteresse und der Überzeugung, dass es durch neu gewonnene Kompetenzen profitiere.

Leo (19) aus Albanien und Karim (21) aus Afghanistan gehören zu den Azubis, die im Mai ihre Prüfung ablegen werden. Selbst wenn die Jugendlichen irgendwann einmal zurückmüssten, könnten sie mit dieser Ausbildung überall auf der Welt etwas anfangen, sagte Personalchef Springs. Für Leo und Karim ist das aber derzeit keine realistische Option.  Sie wünschen sich, dass Deutschland ihre zweite Heimat bleibt, sie eine Arbeit und vor allem auch eine eigene Wohnung finden und noch mehr Kontakt zu Gleichaltrigen bekommen, erzählten sie den Gästen aus Brandenburg.

Resümee am Ende des Tages

Beim Abschied waren es vor allem Informationen und neue Ideen, die die Teilnehmenden mit nach Hause nahmen. „Leicht ist bei der Integration von Flüchtlingen gar nichts", bilanzierte Schulleiter Böhme. Und man müsse auch manchmal ein Scheitern akzeptieren. Das Modell in Schwandorf sei nicht eins zu eins übertragbar, aber dieser Tag habe ihn sehr ermutigt, noch enger mit allen Beteiligten zusammenzuarbeiten, um starke Netzwerke zu knüpfen, damit Übergänge und Anschlüsse für die Jugendlichen gelingen

Autorin: Katharina Aurich

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