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Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit traumatisierten Kindern. Ein Interview mit Dr. Marianne Rauwald

Im Gespräch mit „Willkommen bei Freunden” erläutert Dr. Marianne Rauwald, Leiterin des Instituts für Traumabearbeitung und Weiterbildung Frankfurt, was es für junge Geflüchtete bedeutet, traumatisiert zu sein. Außerdem zeigt sie Erzieherinnen und Erziehern in Kitas Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit traumatisierten Kindern auf.

Willkommen bei Freunden (WbF): Frau Rauwald, was verbirgt sich hinter dem Begriff der Traumatisierung und was bedeutet es für einen Menschen traumatisiert zu sein?

Dr. Marianne Rauwald: Der Begriff Trauma oder Traumatisierung wird heute ein wenig nach dem Gießkannenprinzip verwendet. Ein Trauma ist jedoch eine sehr spezifische Reaktion. Nicht alles was Stress oder Belastung ist, ist auch ein Trauma. Denn ein Trauma ist im Grunde erst einmal eine biologische Reaktion auf eine große Bedrohung. Also auf eine Situation, die extreme Angst ausgelöst hat, oft Überlebensangst. Wenn das einen bestimmten Angst- oder Stresspegel erreicht, dann schaltet das Gehirn auf eine Notfallreaktion um. Und in diesem Moment wird das Erleben ganz anders gespeichert und nicht mehr psychisch verarbeitet. Deswegen bleibt ein traumatisches Erlebnis körperlich verankert. Das bleibt im Körper stecken, sagen wir immer. Symptome wie Schreckhaftigkeit, Alpträume oder die Überwältigung von Bildern, die immer wieder auftauchen und ganz leicht getriggert werden können, sind beispielsweise weitreichende Folgen. Das ist das, was wir Trauma nennen.

WbF: Sie haben gerade den Begriff getriggert benutzt. Was heißt in diesem Zusammenhang getriggert sein?

Rauwald: Getriggert sein bedeutet, dass bestimmte Aspekte der Wahrnehmung, die Teil der traumatischen Situation sind, in der Gegenwart erneut die Traumatisierung auslösen. In bestimmten Situationen werden die Betroffenen in die traumatische Vergangenheit zurückversetzt. Und zwar ganz unmittelbar. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Ich habe in der Vergangenheit ein afrikanisches Flüchtlingsmädchen betreut. Sie ist jedes Mal mit der S-Bahn zu uns ins Institut gefahren. Dabei wurde sie begleitet. Einmal ist sie ohne Begleitung mit der S-Bahn zu uns gekommen. Auf der Fahrt sind dann Kontrolleure eingestiegen. Die Kontrolleure hatten eine Uniform an. Und in der gleichen Sekunde hat das Mädchen alles von sich weggeschmissen, ist aus der S-Bahn gestürzt und weggelaufen. Nicht, weil sie keine Fahrkarte hatte, sondern weil in dem Moment der Anblick der Kontrolleure die ganze Geschichte aus ihrem Heimatland wieder wachgerufen hat. Sie war in diesem Moment nicht mehr in der Gegenwart. Das ist ein Trigger.

WbF: Das sind Situationen, in denen sich auch Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Sozialpädagogen mit den jungen Menschen befinden. Woran können sie erkennen, ob ein Kind oder ein Jugendlicher traumatisiert ist?

Rauwald: Kommen geflüchtete Kinder und Jugendliche direkt aus einer traumatischen Situation zu uns, dann unterscheiden sich ihre Symptome von Menschen, die schon länger mit ihrer Traumatisierung leben. Ist das traumatische Erlebnis noch frisch, dann können sich die Kinder und Jugendlichen nur schwer konzentrieren. Sie können eigentlich gar nicht lernen und sind oft übermüdet. Dahinter steht, dass sie Schlafstörungen und oft Alpträume haben. Innerlich sind sie so sehr mit ihrem Trauma beschäftigt, dass sie gar nicht im Hier und Jetzt ankommen können. Dann sieht man Kinder, die versuchen dem zu entkommen, indem sie überdreht sind oder extrem positiv wirken. Das ist eine Gegenreaktion – gegen das, was innerlich passiert. Das kann aber oft gar nicht gehalten werden und Kinder werden dann auch ganz impulsiv. Ebenso können sie ein störendes und manchmal auch aggressives Verhalten zeigen. Andere Kinder sind sehr zurückgezogen und wirken stark depressiv. Viele Kinder beginnen sich weg zu beamen. Sie wirken dann, als ob sie nicht in der Gegenwart sind. Zum Beispiel fangen sie an, aus dem Fenster zu starren. Das ist eine ganz typische Reaktion. Später, wenn das Kind schon länger unter dem Trauma leidet, wird die Reaktion darauf oft unspezifischer. Dann haben sie Störungen im psychischen Bereich. Bei schweren Traumatisierungen kann das eine bestimmte Sucht, selbstverletzendes oder antisoziales Verhalten sein.

WbF: Wodurch können Traumata überhaupt ausgelöst werden?

Rauwald: Wenn wir an geflüchtete Kinder und Jugendliche denken, dann müssen wir folgendes unterscheiden: Es gibt viele Traumatisierungen, die passieren noch im Heimatland, aber es gibt auch ganz viel, was auf dem Weg hierher passiert. Und es gibt immer wieder auch Situationen hier bei uns, die Trigger sein können. Im Heimatland gibt es eine ganze Bandbreite an Erlebnissen, die Traumata auslösen können. Ganz häufig finden wir, dass Kinder ihre Familien verloren haben. Häufig sind sie auch Zeugen davon geworden, wie die Eltern zu Tode gekommen oder sogar ermordet worden sind. Manche Kinder leben in einer Umgebung, in welcher der Krieg einfach alles platt gemacht hat. Da gibt es keine Schule, keine Geschäfte, rein gar nichts mehr. Es gibt auch Kinder, die flüchten, weil sie leicht ausgebeutet werden können. Sei es für Arbeit, Sexualität oder als Kindersoldat. Das sind alles gravierende Traumatisierungen. Auf der Flucht passiert einfach ganz viel Schlimmes. Kinder sind ganz besonders hilflos und können sich schlecht wehren. Sie werden in die letzte Ecke gedrückt, werden ausgebeutet, müssen arbeiten, sich prostituieren oder werden missbraucht. Ich arbeite zurzeit mit einem jungen Flüchtling, der war monatelang, ein Jahr fast, im Gefängnis in Libyen und musste dort für die Gefängniswärter jeden Tag schwerste Arbeiten erledigen. Hier bei uns finden traumatisierte Kinder und Jugendliche oft nicht das, was sie brauchen, um aus ihrem Trauma herauszukommen. Sondern sie befinden sich bei uns immer noch in Situationen großer Unsicherheit. Sie haben häufig überhaupt keine Ahnung, wo sie sind, wie lange sie dort sind und wie ihre Zukunft sein wird.

WbF: Muss man davon ausgehen, dass alle Flüchtlinge traumatisiert sind?

Rauwald: Sie können schon davon ausgehen, dass der Prozentsatz sehr hoch ist. Aber die Frage ist vielleicht gar nicht so wichtig, ob alle traumatisiert sind oder potenziell traumatische Momente erlebt haben. Es ist vielleicht wichtig, sich klar zu machen: Nicht alle Menschen, die potenziell traumatische Situationen erlebt haben, zeigen Störungen in Folge des Traumas. Eine allgemeine Regel sagt: Ein Drittel von traumatisierten Menschen hat eine so große psychische Widerstandskraft, dass sie ihr Trauma selbst verarbeiten können. Das zweite Drittel verfügt nicht über diese eigene Widerstandkraft und zeigt die beschriebenen Symptome. Das letzte Drittel nennen wir die Wechsler-Gruppe. Da kommt es ganz auf die Bedingungen an, unter welchen die Kinder und Jugendlichen bei uns ankommen. Sind diese Situationen gut, dann werden sie gesund und kommen mit dem Erlebten alleine zurecht. Sind die Situationen hingegen nicht gut, dann werden sich auch bei ihnen langfristige Folgen einstellen. Insofern ist es vor allen Dingen wichtig, vorbeugend für alle geflüchteten Kinder und Jugendlichen gute Bedingungen herzustellen.

WbF: Wie sollten pädagogische Fachkräfte reagieren, wenn sie den Verdacht haben, dass ein Kind oder Jugendlicher traumatisiert ist? Wie können sie selber handeln?

Rauwald: Alle, die junge Flüchtlinge betreuen, können dafür sorgen, dass sich die Kinder und Jugendlichen wieder wohl und sicher fühlen. Es ist auch wichtig, dass sie wieder Verantwortung übernehmen können. Dass sie sich selber erleben können, als jemand, der selbst Entscheidungen treffen kann. Es geht jetzt nicht darum: ich will jetzt da oder dort leben. Sondern beispielsweise in der Schule zu entscheiden, ich will jetzt das machen oder dies. Ich möchte das lernen oder jenes. Diese Unterstützung der eigenen Ressourcen und Möglichkeiten, das sind Dinge, die können Pädagogen Kindern anbieten. Das ist mehr eine Haltung. Das ist ein Wissen von einigen Prinzipien. Das kann jeder.

WbF: Können Sie Netzwerke empfehlen, wo Menschen in ganz Deutschland Unterstützung und Rat bekommen können?

Rauwald: Ich denke, dass beispielsweise die Psychotherapeutenkammern eine gute Anlaufstelle sind. Oder die Kassenärztlichen Vereinigungen, von denen ich weiß, dass die sehr aktiv sind. Das Gesundheitsamt ist auch eine solche Adresse. Aber auch spezielle Institute, wie unseres in Frankfurt oder Organisationen, die bereits lange mit Flüchtlingen zusammenarbeiten. Ich glaube, es gibt sehr viele Menschen bei uns im Land, die sich im Moment gerne engagieren und ihre Professionalität zur Verfügung stellen können und wollen.

WbF: Möchten Sie uns noch etwas mit auf den Weg geben?

Rauwald: Ich würde gerne noch sagen, was für uns das Zentrale ist. Flüchtlinge und insbesondere geflüchtete Kinder und Jugendliche sind Menschen, die das Wertvollste verloren haben: die Bindung an andere nahe Menschen – an das, was ihre Heimat gewesen ist. Diese Menschen haben so viele Verluste erlebt. Und das, was sie jetzt brauchen, sind neue Beziehungen, neue Bindungen. Gesehen zu werden, als der Mensch, der sie sind, mit den Erlebnissen, die sie hatten.

WbF: Ganz herzlichen Dank für das Interview.

Rauwald: Gerne.

Autoren: Dr. Marianne Rauwald

Dr. Marianne Rauwald
Die Psychoanalytikerin Dr. Marianne Rauwald ist Leiterin des Instituts für Traumabearbeitung und Weiterbildung Frankfurt. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen unter anderem die traumafokussierte psychodynamische/analytische Therapie, die transgenerationale Weitergabe von psychischer Traumatisierung, das Erstellen von Gutachten im familienrechtlichen und aufenthaltsrechtlichen Bereich und die Entwicklung präventiver Programme für junge Frauen.

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