Ausbildung und Berufseinstieg

Von der Einstiegsqualifizierung zur dualen Ausbildung

Suhayb (20) und Faysal (20) sind beide vor knapp drei Jahren alleine aus Somalia nach Deutschland geflüchtet. Über das Projekt „Zukunftschance Ausbildung“ der Freien Hansestadt Bremen konnten beide durch eine Einstiegsqualifizierung (EQ) wichtige Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln. Ziel des Projekts ist es, junge Geflüchtete auf eine duale Ausbildung vorzubereiten. Suhayb hat seine EQ im Ausbildungszentrum für Laboranten an der Universität Bremen bereits abgeschlossen und befindet sich mittlerweile fast im zweiten Ausbildungsjahr zum Chemielaboranten. Faysal absolvierte seine einjährige EQ-Maßnahme bei der BLG Logistics GROUP AG & Co. KG in Bremen. Die anschließende Ausbildung zum Lageristen hat vor kurzem begonnen. Im Interview mit „Willkommen bei Freunden“ erzählen die beiden Jugendlichen von ihrem Weg zur EQ-Maßnahme, ihren Arbeitserfahrungen und weiteren Plänen.

WbF: Wie war euer Arbeitstag heute?

Suhayb: Der war super. Heute habe ich zusammen mit Kolleginnen zum ersten Mal mit dem Verfahren der ionischen Chromatographie gearbeitet. Mit dieser Methode untersuchen wir zurzeit die Zusammensetzung bestimmter Chemikalien in Sportkleidungen.

WbF: Kannst du bitte kurz erklären, was ionische Chromatographie ist?

Suhayb: Ionenchromatographie ist die Ionen- und Kathionenerkennung. Sulfit ist zum Beispiel zweimal negativ geladen. Je größer die negative Ladung ist, desto langsamer bewegt sich das Molekül im Chromatographen. Am Bildschirm können wir dann die verschiedenen Chemikalien an ihrer Geschwindigkeit im Chromatographen erkennen. An Ausschlägen, sogenannten Pikes, in bestimmten Bereichen, können wir sagen, welche Chemikalien sich in der Kleidung befinden.

WbF: In welchem Bereich bist du gerade bei der BLG beschäftigt, Faysal?

Faysal: Zurzeit bin ich in unserem Hochbaulager. Dort gibt es verschiedene Bereiche. Momentan arbeite ich im Bereich Kommissionierung. Ich bearbeite dort die Onlinebestellungen unserer Kunden. Die verschiedenen Artikelnummern der Bestellungen werden ausgedruckt. Damit gehe ich in das entsprechende Abteil des Lagers und packe die Bestellungen zusammen. Danach werden die Pakete verschickt.

WbF: Wie bist du zur BLG gekommen?

Faysal: Ich habe mich zuerst für die EQ-Maßnahme beworben. Danach habe ich mir die BLG angeschaut und dort ein kurzes Praktikum gemacht. Die Arbeit hat mir gut gefallen und ich wollte mich weiterbilden und eine Ausbildung machen. Die EQ-Maßnahme ist ein Dual-System. Ich bin in der Berufsschule und im Betrieb.

WbF: Wie gefällt dir die Berufsschule?

Faysal: Die Berufsschule ist etwas schwer. Besonders wegen der Sprache. Früher waren Suhayb und ich in einer Klasse zum Deutschlernen. Dort war ich zwei Jahre und habe dann die EQ begonnen. In der Berufsschule sind viele Jugendliche, die in Deutschland geboren sind. Wir sind mit mir nur drei Ausländer in der Klasse. Zum Anfang war das sehr schwer, weil sie alle sehr schnell Deutsch gesprochen haben. Jetzt verstehe ich vieles schon besser.

Suhayb: Für mich war das auch sehr schwierig. Wenn man acht Monate Deutsch gelernt hat, kann man noch nicht schnell verstehen. Man kann auch nicht immer die Lehrerin fragen, was das alles bedeutet. Denn die anderen Schüler hören das und werden dadurch abgelenkt. Die Prüfungen sind auch schwer. Man hat nur wenig Zeit, zum Beispiel zwei Stunden für viele Aufgaben. Aber zuerst muss ich die Aufgabe verstehen. Dadurch verliere ich viel Zeit und bekomme eine schlechte Note. Doch für sein Ziel, eine Ausbildung zu machen, muss man richtig lernen und sich anstrengen.

WbF: Gibt es etwas, was am Unterricht in der Berufsschule verbessert werden könnte?

Suhayb: Meiner Meinung nach, sollte es Klassen in der Berufsschule geben, in denen nur Schüler aus anderen Ländern unterrichtet werden. Denn sie lernen und verstehen Deutsch langsamer als die anderen Schüler. Viele bei mir haben zum Beispiel Abitur gemacht. Die Lehrerin kann dann nicht immer Rücksicht auf die Flüchtlinge nehmen.

Faysal: Nein, das ist keine gute Idee. Ich denke, dass das, so wie es ist, gut ist. Man lernt schneller Deutsch, wenn man mit anderen Schülerinnen und Schüler, die schnell Deutsch sprechen, zusammen Unterricht hat. Wenn ich Deutsch spreche, ist nicht immer alles richtig, aber ich rede. Und die Leute reden mit mir. Dadurch bin ich besser geworden.

Suhayb: Das überfordert aber auch. Es gibt zum Beispiel Leute, die noch nicht gut Deutsch sprechen: Die haben Angst eine EQ-Maßnahme zu machen. Ich kenne viele, die eine EQ-Maßnahme angefangen haben und dann wieder abgebrochen haben, weil sie nichts mehr verstanden haben und die Prüfungen so nicht bestehen konnten. Die geben sich alle Mühe, aber damit alleine kommen sie nicht weiter.

Faysal: Am Anfang der EQ-Maßnahme kann man immer erst einmal schlecht Deutsch. Aber wenn du keine Leute in der Klasse hast, mit denen du Deutsch sprechen kannst, lernst du es noch schlechter.

WbF: Wie habt ihr von der EQ-Maßnahme gehört?

Suhayb: Von unserer ersten Lehrerin in Deutschland. Eines Tages hat sie uns das Programm vorgestellt und gesagt, dass es für uns eine große Möglichkeit sein kann. Unsere Lehrerin hat uns richtig dazu ermutigt, die Chance zu nutzen. Bremen war das erste Bundesland, was eine EQ-Maßnahme angeboten hat, deswegen war es umso mehr eine große Chance für uns. Ich habe am Anfang nicht erwartet, dass ich die EQ-Maßnahme bis zum Ende schaffe. Und jetzt habe ich sie beendet und mache eine Ausbildung an der Uni Bremen zum Chemielaboranten.

Faysal: Die EQ-Maßnahme ist für Leute, die keinen Schulabschluss haben und die neu in Deutschland sind, eine große Chance zur Weiterbildung. Mit wenigen Deutschkenntnissen ist das aber sehr anstrengend. Dafür ist die EQ-Maßnahme zu kurz.

Suhayb: Ja, es ist sehr anstrengend. Die EQ-Maßnahme zu machen, war daher eine große Entscheidung für uns. Wir haben überlegt, ob die Maßnahme vielleicht zu schwierig für uns ist. Denn, wenn man gerade Deutsch lernt und dazu einen Beruf kennenlernen will, ist das sehr schwer. Ich weiß nicht, ob es die EQ-Maßnahme nur in Bremen gibt. Wenn ja, sollten auch die anderen Bundesländer so etwas haben. Ich wünsche mir, dass die Leute den Flüchtlingen Zeit geben, etwas zu lernen und Geduld haben. Flüchtlinge brauchen Zeit, um erst einmal Deutsch zu lernen.

WbF: Warum wollt ihr eine Ausbildung in Deutschland machen?

Faysal: Viele Leute ohne Ausbildung bekommen eine Arbeit über eine Zeitarbeitsfirma. Das will ich nicht. Wenn ich zum Beispiel bei einer Zeitarbeitsfirma arbeite, dann kann ich nach zwei Jahren, drei Jahren eine Absage bekommen. Wenn ich hier in Bremen einen Beruf gelernt habe, kann ich danach zum Beispiel nach Hamburg gehen und dort arbeiten. Wenn ich keinen Beruf gelernt habe, kann das schwerer sein.

WbF: Wie ist es bei dir, Suhayb?

Suhayb: Ich habe die gleiche Meinung. In Somalia habe ich auch etwas gelernt. Wenn ich wieder zurück nach Somalia gehe, möchte ich etwas zurückgeben. Mein Ziel ist es, nach der Ausbildung noch zu studieren. Ich möchte mich gerne in organischer Chemie weiterbilden. Das kommt im zweiten Lehrjahr dran. Das wird schwer. Aber ich freue mich darauf.

Faysal: Ich möchte auch noch einen anderen Beruf lernen, wenn ich mit meiner Ausbildung zum Fachlageristen fertig bin. Ich möchte gerne noch Metalltechnik lernen und am Ende zwei Berufe haben. Ich habe schon 2014 drei Wochen ein Praktikum als Auto-Mechatroniker gemacht. Das ist mein Hobby gerade.

WbF: Was wünscht ihr euch für eure Zukunft?

Faysal: In meinem Land, Somalia, hat man nicht so viel Zukunft, nicht so viel Chancen. Aber hier in Europa, in Deutschland zum Beispiel, hat man, wenn man etwas Bildung hat, viel Zukunft und viele Chancen. Wenn ich nach Somalia zurückkehre, will ich den Leuten das beibringen, was ich gelernt habe. Das ist mein Plan.

Suhayb: Ich möchte zuerst meine Ausbildung zum Chemielaboranten abschließen und noch mehr Deutsch lernen. Ich wünsche mir, dass ich nach der Ausbildung meinen Bachelor machen kann. Ich habe auch schon eine Familie. Für die will ich gut sorgen.

Faysal: Wir beide haben viele Möglichkeiten, weil wir noch jung sind. Nur eine Ausbildung machen und dann arbeiten, das ist nicht mein Plan. Geld verdienen will ich auch, das ist klar. Aber dabei will ich mich immer weiterbilden.

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