Frühe Bildung Schule

Wenn Schulkinder in die Kita gehen

Hamed kommt aus Afghanistan und lebt nun in Berlin. Er spricht nicht gut Deutsch, aber auf der Bühne verzaubert er mit seinem Moonwalk die Mitschüler und Lehrer. In einer sogenannten Willkommensklasse lernt er die deutsche Sprache, bis er – spätestens nach einem Jahr – fit ist für den Übergang in den regulären Unterricht. Zwei Berliner Kulturagenten berichten, wie Kunst und Kultur den Kindern und Jugendlichen der Willkommensklassen helfen, sprachliche Barrieren abzubauen und Selbstvertrauen zu tanken.

Belsem hat es sich bequem gemacht und lehnt sich an die Wand des mit bunten Kunststoffbällen gefüllten Kinderpools. Vor der Siebenjährigen sitzen vier Kinder der Bibergruppe der Kita Am Domhof im Bonner Stadtteil Bad Godesberg. Andächtig lauschen sie Belsem, die aus dem Kinderbuch „Wo ist dein Besen, kleine Hexe?“ vorliest. Hin und wieder etwas stockend und um das eine oder andere Wort ringend, absolviert Belsem die Geschichte ansonsten ohne Probleme. Die Kita-Kinder, Lara, Hanna, Maxim und Lasse, sitzen freilich nicht die ganze Zeit herum und lauschen, das eine oder andere wirft auch einen neugierigen Blick in das Buch.

Belsem kommt aus der angrenzenden Grundschule, sie besucht die Klasse 2a. „Das Buch habe ich mit meinem Vater in der Bücherei ausgesucht“, berichtet sie. Dass die Siebenjährige für die nur ein paar Jahre jüngeren Kita-Kinder die Vorleserin gibt, ist dem Programm „Bildung braucht Sprache“ zu verdanken.

Bonn ist eine von insgesamt vier Modellregionen, in denen derzeit neue Wege zur besseren Sprachentwicklung von Kindern im Alltag erprobt werden. Weitere Projekte gibt es in Herten, Mülheim und im Kreis Warendorf. Initiiert wurde das Programm von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Stiftung Mercator.

Der Übergang vom Kindergarten in die Schule ist entscheidend

Wie wichtig eine solche Initiative für die Kindertagesstätte Am Domhof ist, zeigt der Blick auf den Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund in der Einrichtung: Er liegt bei etwa 70 Prozent. Insgesamt besuchen rund 40 Kinder im Alter von vier Monaten bis sechs Jahren die Kita. „Es ist extrem wichtig, dass die Kinder einen guten Übergang vom Kindergarten in die Schule finden. Wir dürfen sie da nicht vor die Wand laufen lassen“, sagt Kita-Leiterin Angelika Zehnder. Gerade weil Schule und Kita auf einem Gelände liegen, biete sich eine Zusammenarbeit an.

Pro Woche kommen etwa zwei bis vier Grundschüler und lesen unseren Kindern etwas vor“, erklärt Zehnder. Die Vorlese-Einheiten dürfen dabei aber nicht zu lange sein, sonst können die Kita-Kinder sich nicht mehr auf die Geschichte konzentrieren und werden unruhig. Auch die vier kleinen Zuhörer von Belsem dürfen nach dem Vorlesen erst einmal nach draußen zum Spielen. „Das war schön und interessant“, sagt der fünfjährige Maxim über die Geschichte. Hexen kennt er auch, bislang aber vor allem aus Filmen im Fernsehen und von Computerspielen.

Einfach zu sagen „Lernt Deutsch“ reicht nicht aus – die Eltern müssen aktiv mitgenommen werden

Bis 2016 läuft „Bildung braucht Sprache“ in den vier Modellregionen. Geplant sind in Bonn neben der Vorlese-Initiative unter anderem ein mehrsprachiges Geo-Caching-Projekt und eine gemeinsame Lesenacht. Dabei werden an der Basis Projekte entwickelt, die die Sprachbildung bei kleinen Kindern verbessern. „Es geht nicht darum, irgendetwas von oben überzustülpen“, sagt Programmleiterin Svenja Butzmühlen von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Das Programm legt den Fokus auf die Bereiche Kindergarten, Grundschule und Elternhaus. Auch und gerade Familien, in denen nicht deutsch gesprochen wird, sollen bei dem Programm miteinbezogen werden. Es reiche nicht aus, den Kindern und Eltern einfach zu sagen: „Lernt Deutsch!“, erklärt die Programmleiterin.

„Sprache stellt entweder eine Barriere dar oder sie ist Tor und Schlüssel zur Welt“, betont auch Maria Gorius vom Inklusionsbüro der Stadt Bonn. Die rheinische Stadt beteiligt sich mit vier Teams aus Kitas und Grundschulen an dem Programm, landesweit sind es 16. Die Projekte werden wissenschaftlich begleitet, zudem gibt es regelmäßig Fortbildungen für die pädagogischen Fachkräfte. Am Ende steht die Entwicklung eines Qualitätleitfadens, der nach Abschluss des Programms von anderen Einrichtungen genutzt werden kann.

Autoren: Evangelischer Pressedienst

Evangelischer Pressedienst
(epd) Region West, M. Bosse

Bildung braucht Sprache

Im Modellprogramm „Bildung braucht Sprache“ arbeiten Kitas und Grundschulen in Nordrhein-Westfalen als Team zusammen. Gemeinsam entwickeln sie neue Ansätze, um die Sprachbildung und -förderung zu verbessern – und den Übergang von der Kita in die Schule zu erleichtern. Aber wie sieht das konkret in der Praxis aus? Ein Vorlese-Projekt in der Modellregion Bonn bringt nicht nur Kita- und Grundschulkinder, sondern auch Erzieherinnen, Erzieher und Lehrkräfte zusammen.

Kontakt

Anne Stienen
Programmkommunikation
Deutsche Kinder- und Jugendstiftung gemeinnützige GmbH (DKJS)
Tempelhofer Ufer 11
10963 Berlin
Tel.: 030 25 76 76 – 817
E-Mail: anne.stienen@dkjs.de

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