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WillkommensKITAs – Ein Modellprogramm in Sachsen stärkt Kita-Fachkräfte für den Umgang mit Flüchtlingskindern

Immer mehr Kitas nehmen Kinder aus Flüchtlingsfamilien auf. Das stellt Erzieherinnen und Erzieher vor Herausforderungen: Wie gehen wir mit sprachlichen Barrieren und kulturellen Unterschieden um? Oder mit traumatisierten Kindern? Mit dem Modellprogramm "WillkommensKITAs" unterstützt die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) Kitas in Sachsen dabei, Antworten auf solche Fragen zu finden.

Etwa ein Drittel der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind Kinder und Jugendliche. Sie leben mit ihren Familien in Flüchtlingsheimen, deren Ausstattung und Atmosphäre in der Regel nicht darauf ausgelegt sind, die Entwicklung junger Menschen zu fördern. Gerade für diese Kinder ist der Besuch von Kindertageseinrichtungen – mit kindgerechter Umgebung und strukturiertem Alltag – besonders wertvoll. Und auch sie haben Anspruch auf einen Kita-Platz. Immer mehr Kitas im direkten Umfeld der Aufnahmeeinrichtungen öffnen sich für Kinder aus asylsuchenden Familien. Gleichzeitig fühlen sich viele Erzieherinnen und Erzieher dieser Aufgabe noch nicht gewachsen, weil ihnen Erfahrungen oder auch pädagogische und interkulturelle Kompetenzen fehlen. „Natürlich hat man Allgemeinwissen, aber das reicht noch lange nicht aus, um die Bedürfnisse und Wünsche der Familien zu verstehen“, sagt Kitaleiterin Katja Walther aus Hoyerswerda, die am Modellprogramm Willkommenskitas teilnimmt.

Starke Nachfrage

34 Kitas hatten sich für die Teilnahme an dem sachsenweiten Programm beworben. Davon wurden zehn Einrichtungen ausgewählt. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung bietet ihnen fachliche Unterstützung, Fortbildungen und den Austausch im Netzwerk – und macht sie damit fit für den Kita-Alltag mit Flüchtlingskindern. Die hohe Anzahl der Bewerbungen und erste Gespräche mit den Kitas zeigen, dass ein hoher Unterstützungs- und Weiterbildungsbedarf besteht. Die Herausforderungen kreisen in den Einrichtungen immer um die gleichen Fragen und Themen: sprachliche Barrieren, kulturelle Unterschiede und der Umgang mit traumatisierten Kindern.

Sprachliche Barrieren

Viele Flüchtlingsfamilien sprechen kein oder nur wenig Deutsch. Ein Aufnahmegespräch und auch die Eingewöhnungsphase, in der Pädagogen und Eltern sich intensiv austauschen und Vertrauen aufbauen, werden dadurch erschwert. Doch was kann man tun, wenn man mit Händen und Füssen nicht mehr weiterkommt? Und wer kann den Elternbrief in zehn Sprachen übersetzen – von Arabisch bis Russisch?

Kulturelle Unterschiede

Die kulturelle Vielfalt der Flüchtlingskinder und ihrer Familien erfordert interkulturelle Kompetenzen von Erzieherinnen und Erziehern. Der Blick auf die Entwicklung des einzelnen Kindes muss erweitert werden um eine kultursensitive Perspektive. Ein wichtiges Thema sind beispielsweise die Essgewohnheiten. Es sei eine Herausforderung, „genau herauszufinden, was die Kinder essen dürfen und was nicht“, sagt Kitaleiterin Katja Walther.

Umgang mit traumatisierten Kindern

Die pädagogischen Fachkräfte wissen meistens nicht, was die Kinder durchgemacht haben: Was haben die Kinder zuhause im Kriegsgebiet oder auf der Flucht erlebt? Und wonach sehnen sie sich am meisten? Die Erzieherinnen und Erzieher erkennen Symptome von Traumatisierungen wie Angstzustände oder auffällig aggressives Verhalten. Sie spüren, dass diese Kinder besondere Zuwendung und Aufmerksamkeit brauchen – und wünschen sich dafür Expertenwissen und fachliche Ansprechpartner. Darüber hinaus stehen die Kita-Fachkräfte auch vor der Frage, wie sie den erhöhten Betreuungsaufwand ausgleichen sollen. Sie wüssten gerne mehr über das Asylrecht und dessen Auswirkungen auf den Alltag der Flüchtlingsfamilien. Und sie wissen in der Regel nicht, an wen sie sich in ihrer Kommune wenden können, wenn sie Hilfe brauchen. Bei all diesen Fragen und Herausforderungen setzt das Programm Willkommenskitas an. Bis Ende 2017 werden die Modelleinrichtungen dabei unterstützt, sich zu einer Willkommenskita zu entwickeln. Das funktioniert nicht nach einem standardisierten Verfahren. Stattdessen erarbeiten die Kitas individuelle Antworten und Lösungen.

Was ist eine Willkommenskita?

Eine Willkommenskita ist ein Ort, an dem …

  • Kinder aus Flüchtlingsfamilien erfahren, dass sie willkommen und akzeptiert sind, dass sie teilhaben und sich wohlfühlen können,
  • Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte erleben, dass kulturelle Vielfalt normal und zugleich bereichernd ist,
  • ein lokales Unterstützungsnetzwerk mit externen Partnern entsteht,
  • das Kita-Team den Integrationsprozess vor Ort mitgestaltet und dazu beiträgt, Vorurteile abzubauen.

Um die Nachhaltigkeit des Programms sicherzustellen, ist der Aufbau eines lokalen Unterstützungsnetzwerks von zentraler Bedeutung. Rund um die Willkommenskitas sollen Partner gefunden und eingebunden werden, die die Einrichtungen bei der Gestaltung eines interkulturellen Alltags und bei der Integration asylsuchender Kinder und ihrer Familien unterstützen. Von der Migrationsberatung und dem Jugendamt bis hin zu Logopädinnen oder ehrenamtlichen Dolmetschern kann dabei ein Netzwerk gesponnen werden.

Unterstützung für die Kitas

„Wir wollen für unsere pädagogische Arbeit mehr über die Kulturen und Religionen der Kinder erfahren, interkulturelle Trainings bekommen, uns mit anderen Kitas austauschen und voneinander lernen“, fasst Kitaleiterin Katja Brüggemann ihre Erwartungen an das Programm Willkommenskitas zusammen. Dafür bietet das Modellprogramm verschiedene Bausteine an.

1. Coaching

Mit dem bedarfsorientierten Coaching erhalten die Kitas ein Unterstützungsformat, das sich in vielen DKJS-Programmen bewährt hat. Die Coaches begleiten die Kitas während der gesamten Programmlaufzeit bis Ende 2017. Sie verfügen über langjährige Erfahrung in der Praxisbegleitung von Kitas und kennen sich unter anderem mit dem Sächsischen Bildungsplan, Elternarbeit, Teamentwicklung und der Arbeit nach Qualitätskriterien aus.

Die Coaches gehen regelmäßig in die Kitas und helfen vor Ort bei konkreten Fragen. Nach einem ersten Kennenlernen ermitteln sie gemeinsam mit dem Kita-Team, welche pädagogischen, organisatorischen und strukturellen Herausforderungen bestehen. In Reflexionsrunden analysieren sie die Ausgangssituation der Kita, legen Ziele und Maßnahmen fest und erstellen einen Meilensteinplan, der auf die Ressourcen, Bedürfnisse und die Konzeption der Kita abgestimmt ist. So wird mit dem Coaching eine Unterstützung zur Verfügung gestellt, die sich auf die Kitas einstellt und zum Motor für die Gestaltung einer Willkommenskultur und die Weiterentwicklung des Teams werden kann.

Eine weitere Aufgabe der Coaches ist es, gemeinsam mit den pädagogischen Fachkräften herauszufinden, welche Fortbildungen sie benötigen. Daraus entsteht das Fortbildungsangebot für die Willkommenskitas.

2. Fortbildungen

Seit Jahren entwickelt die DKJS Fortbildungen für den frühkindlichen und Elementarbereich. Mit einem „Handwerkskoffer“ voller Erfahrungen und Methoden konzipiert die Programmleitung gemeinsam mit den Coaches bedarfsorientierte Qualifizierungsangebote für die Kitas und führt diese durch. Dabei kann es zum Beispiel um vorurteilsbewusste Erziehung und Bildung, die Zusammenarbeit mit Eltern mit Migrationshintergrund oder den Aufbau eines Unterstützungsnetzwerks gehen. Lokale und landesweite Ansprechpartner und Spezialisten – wie interkulturelle Trainer oder auch Psychologen, die auf dem Gebiet der Traumabewältigung arbeiten – werden als Referenten eingebunden.

3. Austausch im Netzwerk

Beim jährlich stattfindenden sachsenweiten Netzwerktreffen kommen alle Willkommenskitas zusammen. Ein fachliches Schwerpunktthema leitet den Austausch und die Praxisreflexion der Einrichtungen ein. Die Kitas informieren sich über den aktuellen Stand ihrer Entwicklungen und berichten von Herausforderungen und Lösungsansätzen. Gemeinsam mit Experten erweitern sie ihr fachliches Know-how, zum Beispiel zu den Themen interkulturelle Pädagogik sowie Diversity- und Netzwerkmanagement. Das Besondere ist, dass die Kita-Teams selbst die Experten im fachlichen Austausch sind. Bereits das erste Treffen im Dezember 2014 hat deutlich gemacht: Die teilnehmenden Kitas lernen sich nicht nur kennen, sondern sie lernen voneinander. Sie stehen vor ähnlichen Herausforderungen und profitieren von den Erfahrungen der anderen. Die Fachkräfte bringen ihre Themen und Wünsche ein und bestimmen so die Entwicklung des Programms maßgeblich mit.

Fazit

Für die Willkommenskitas ist es eine Selbstverständlichkeit, Kinder aus Flüchtlingsfamilien aufzunehmen. Bis zum Programmende soll auch der professionelle Umgang mit ihnen zur Selbstverständlichkeit werden. Mithilfe des Modellprogramms wollen sich die Kitas interkulturell öffnen, ihr Fachwissen erweitern und vor Ort ein Unterstützernetzwerk aufbauen. „Die Kinder kommen am ehesten miteinander klar und zeigen uns eigentlich im Alltag, wie einfach es gehen könnte“, sagt Heike Seifert, Kitaleiterin aus Gröditz.

Autoren: Axel Möller, Anne Stienen

Axel Möller
Programmleitung WillkommensKITAs, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, Dresden

Anne Stienen
Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, Programmkommunikation

WillkommensKITAs

Wie gehen wir mit traumatisierten Kindern um? Oder mit sprachlichen und kulturellen Barrieren? Und was verbirgt sich eigentlich hinter dem Asylrecht? Vor diesen und vielen weiteren Fragen stehen Kitas, die Kinder aus Flüchtlingsfamilien aufnehmen. Das Programm "WillkommensKITAs" unterstützt Modelleinrichtungen in Sachsen dabei, konkrete Antworten zu finden.

Willkommenskitas ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, gefördert durch das Sächsische Staatsministerium für Kultus, das Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“ im Geschäftsbereich der Staatsministerin für Gleichstellung und Integration in Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Sozialverband Sachsen.

Axel Möller

Deutsche Kinder- und Jugendstiftung Regionalstelle Sachsen

Bautzner Straße 22 HH
01099 Dresden
E-Mail: axel.moeller@dkjs.de
Website: www.dkjs.de/sachsen
Tel: +49 (0) 351 - 320156 - 59
Fax: +49 (0) 351 - 320156 - 99

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