Jugendarbeit und Ehrenamt

„Es braucht mehr Genderkompetenz in der Sozialen Arbeit mit Jungen und Männern“

Das Bundesforum Männer ist ein Interessenverband für Jungen, Männer und Väter. Die Nichtregierungsorganisation begreift sich als Dachverband für Organisationen, die deutschlandweit im Feld von Jungen-, Männer- und Väterpolitik tätig sind und sorgt für den fachlichen Austausch seiner Mitglieder.
Das Projekt movemen – empowering male refugees des Bundesforum Männer möchte die vielfältigen Belange geflüchteter Jungen und Männer sichtbar machen. Mit Dag Schölper, dem Geschäftsführer des Bundesforums Männer, sprach „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für Flüchtlinge“ über eine vom Bundesforum beauftragte Studie zur Situation männlicher Geflüchteter in Deutschland und wie geschlechtssensible Arbeit mit dieser Gruppe aussehen kann.

Wie geht es geflüchteten Jungen und Männern nach ihrer Ankunft in Deutschland?

Es ist nicht ganz einfach zu sagen, wie es ihnen geht. Denn es hängt sehr stark davon ab, wo sie in Deutschland landen und woher sie kommen. So erzeugt urbane Herkunft, die auf ländlichen Raum trifft, alleine schon Spannung. Und auch andere Faktoren wie das Bildungsniveau spielen eine Rolle. Unsere Studie hat aber gezeigt, dass alle Befragten das Gefühl eint, ausgebremst zu sein. Die meisten sind sehr aktiv gewesen, bevor sie nach Deutschland kamen, Das Leben war sehr davon und von Selbstermächtigung geprägt, auch spontane Solidarität spielte eine große Rolle. Wenn sie dann in den Sammelunterkünften ankommen, werden sie durch die äußeren Gegebenheiten erst einmal komplett ausgebremst.
Nach einem ersten Moment des Durchschnaufen und dem Gefühl von Glück endlich angekommen zu sein, stellt sich bei vielen eine Unzufriedenheit ein, dass es nicht in einem angemessenen Tempo weitergeht. Hinzu kommen Unverständnis über die vielen bürokratischen Hürden und Frust, dass der Zugang etwa zu Sprachkursen so schwer ist.

Wie erleben geflüchtete Jungen und Männer Diskriminierung und Vorurteile?

Natürlich bekommen Geflüchtete mit, dass es bestimmte negativ gefärbte Bilder gibt, gerade die Männer. Das führt bei einigen zu einer Zurücknahme, sie trauen sich weniger in den öffentlichen Raum, weil sie nicht wissen wie auf sie eigentlich reagiert wird. Rassismus-Erfahrungen oder die Furcht davor können sehr hemmend wirken. Jeder kennt diese Alltagserlebnisse in der Diskothek, im Schwimmbad oder anderen Sozialräumen. Das führt zu dem Eindruck: „Nur weil ich so bin wie ich bin und ich so aussehe wie ich aussehe, stehe ich unter Generalverdacht.“
Hinzu kommen Einzelerlebnisse in Ämtern und mit Entscheidungsträgern im sozialen System.
Es kommt auch immer wieder zu kulturellen Missverständnissen. Oft wirkt ein normal reserviertes Verhalten auf die Geflüchteten ignorant und ablehnend, auch wenn es gar nicht so gemeint ist.

Unterscheidet sich das Selbstbild geflüchteter junger Männer von dem hiesigen Männerbild?

Zunächst einmal sind sie sich sehr ähnlich in Bezug darauf, was sie wollen. Sie sind in einem Alter, in dem sie eigentlich durchstarten müssen, sich auf den Karriereweg begeben und Bildung zu einem guten Abschluss bringen, um in den Beruf einzusteigen. Dennoch ist bei vielen Geflüchteten das Selbstbild sehr stark von Männlichkeitserwartungen geprägt, von Rollenbildern, die noch tradierter und fester sind. Diese treffen auf Männlichkeitsnormen, die sehr bunt und vielfältig sind, die sich hier jeder selbst zusammengestellt hat.

Wird in Bezug auf geflüchtete Jungen und Männer der Fokus, vielleicht auch medial unterstützt, zu sehr auf die Probleme gelegt?

Natürlich gibt es unter den jungen Geflüchteten auch Gruppen, die übergriffig sind und sich nicht an die hier geltenden Regeln halten. Dennoch muss man sich davor hüten, die gewalttätigen Jungen nur darauf zu reduzieren. Man muss ja dennoch mit ihnen arbeiten und stets die Frage mitdenken, warum passiert das. Ein Grund ist sicher auch die Überbelegung in manchen Unterkünften, da knallt es öfter. Hier ist es auch wichtig, nichts zu beschönigen. Einige werden in diesem Alter nun mal kriminalitätsanfällig. Und es hat auch einen kulturellen Background. Gewaltverhalten gehört außerhalb unserer europäischen Wohlstandsgesellschaft auch zum Alltag. Da muss gute Soziale Arbeit aktiv ansetzen.

Wie kommen Geflüchtete in Kontakt mit anderen, schon länger in Deutschland lebenden, Menschen?

Es gibt ein starkes Stadt-Land-Gefälle und Unterschiede in den Regionen. Die Anonymität der Großstadt bildet einerseits einen Schutzkokon, wo einem weniger Schlimmes oder Drastisches passieren kann, aber gleichzeitig herrscht oft Kühle und Schwere an andere heranzukommen vor. So berichten Geflüchtete in Berlin, dass es schwer ist, überhaupt in Kontakt mit Einheimischen zu kommen. Im ländlichen Raum reicht das Spektrum von rassistischer Totalausgrenzung bis hin zu Offenheit. Über Gruppen, die vor Ort sowieso schon aktiv sind wie zum Beispiel Kirchen, freiwillige Feuerwehr oder Sportvereine finden sie einen Zugang. Das müssen nicht direkt enge Freundschaften werden, aber es entstehen zumindest erste Kontakte.
Auch der mangelnde Kontakt zu Gleichaltrigen ist ein großes Problem. Deswegen sind die im Vorteil, die über Willkommensklassen ins Regelsystem kommen. Diejenigen, die da schon rausfallen, noch keine Familie haben, sind darauf angewiesen in Kontakt zu kommen, haben aber in den Sammelunterkünften keine Möglichkeiten dazu.

Das Projekt „Movemen“ (siehe unten) vom Bundesforum Männer versucht auch die Geflüchteten aus der Isolation zu holen. Welche Angebote macht es?

Es gibt bei uns ein Mentoring -Angebot. Da versuchen wir ältere Männer mit Fluchterfahrung in den Austausch mit den jungen Geflüchteten zu bringen. So besuchen sie zum Beispiel gemeinsam geschichtsträchtige Orte oder tauschen ihre Erlebnisse auf der Flucht und des Ankommens aus. Wenn es gut läuft, hat das einen sehr hohen Effekt.
Außerdem setzen wir auf den Schneeball-Effekt. Wir organisieren Praxisgruppen gemeinsam mit praktisch Tätigen in den Bereichen Wohnen, Schule, Ausbildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit und Sozialsystem, die bundesweit gestreut sind. So war die erste in Berlin. Da ging es vor allem darum, Jungenarbeits-Methoden auch in der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten anzuwenden. Der Träger der Einrichtung, in der wir die Praxisgruppe veranstaltet haben, bildet auch Flüchtlingshelfer aus. Er hat daraufhin die männlichkeitssensible Arbeit mit Geflüchteten in seine Fortbildung integriert.
Wir wollen darüber hinaus, das Thema überhaupt setzen. Viele denken die Männlichkeitsperspektive nicht mit. So versuchen wir auch in politische Gremien reinzugehen. Die Menschen dafür zu sensibilisieren und darauf hinzuweisen, dass es auch spezifische Ansätze braucht.

Brauchen geflüchtete Männer denn eine spezielle Aufmerksamkeit?

Meine These ist, dass es in der Sozialen Arbeit insgesamt mehr Genderkompetenz mit Blick auf Jungen und Männer braucht. Das ist ein bildungspolitischer Querschnittsauftrag. Geflüchtete Männer würden davon sicher profitieren, wenn sich die Menschen, die mit ihnen zusammenarbeiten, der Genderkonstruktionen insgesamt bewusst sind. So gibt es schon eine gesteigerte Sensibilisierung für die Verletzbarkeit für Frauen und Mädchen. Das ist gut. Und im gleichen Maße muss aber auch das Männlichkeitsverständnis bedacht werden. Da geht es eher um eine Sensibilisierungs- und Haltungsfrage. Da hilft ein aufgeschlossener Blick, sich selbst auch zu fragen, was man zum Beispiel für Impulse gesendet hat, wenn man bei denen, die körperlich ausgebrannt sind, auf die Körperlichkeit setzt. Nach dem Motto: „Drei starke Männer mal her, wir müssen was anpacken“.
Viele Geflüchtete verbinden Männlichkeit auch stark mit Ehre. Der Begriff umfasst viele fürsorgliche Elemente, die verstärkt werden könnten, während die restriktiven und autoritären Elemente vorsichtig abgeschmelzt werden sollten. Da sollte man nicht einfach drüber hinweggehen und sagen: „Wir sind da schon weiter“. Vielmehr hat hier eine andere Entwicklung stattgefunden, was diesen Begriff umfasst.

Welche Angebote für diese Gruppe braucht es?

Es braucht auf vielen Ebenen noch sehr viel, vor allem Beratungsleistungen.  Ein Beispiel ist das Thema Scheidung: Wenn sich ein Paar scheiden lässt, müssen die Männer aus den Familienunterkünften raus und kommen entweder in Männerunterkünfte oder sogar ins Obdachlosenheim. Da fehlt eine Auffangstruktur. Jemand, der erklärt, was eine Scheidung in Deutschland bedeutet, welche Rechte die Partner haben. Es braucht Menschen, die Basiswissen vermitteln und gute psychologische Angebote.
Die Methoden aus der Jungen- und Männerarbeit müssen in die Arbeit mit Geflüchteten auch Einzug erhalten.

movemen – empowering male refugees

Ein Projekt des Bundesforum Männer - Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e.V.

Movemen ist ein Projekt des Bundesforums Männer e.V.  gefördert vom Bundesministerium für Familie, Soziales,  Frauen und Jugend. Es hat sich zum Ziel gesetzt, die vielfältigen Belange geflüchteter Jungen und Männer in Deutschland sichtbar zu machen, unter anderem mit Fachbeiträgen auf Tagungen, Workshops und in sozialen Medien. Außerdem stellt das Projekt gelingende Ansätze und Initiativen für die Arbeit mit männlichen Geflüchteten vor. Die Erfahrungen und zentralen Ergebnisse sollen gebündelt in die Praxis finden und als Empfehlungen an politische Entscheidungsträger weitergegeben werden.

Im Auftrag des Bundesforum Männer hat das Christliche Jugendwerk Deutschlands (CJD Nord) eine Studie über die Situation und Bedarfe junger geflüchteter Männer in Deutschland durchgeführt. Die ersten Ergebnisse der Studie sind nun in einer Kurzversion als Broschüre verfügbar. Sie basiert auf der Auswertung von rund 85 Interviews geflüchteten Jungen und jungen Männern und 31 Interviews mit haupt- und ehrenamtlichen Flüchtlingshelfenden. Lebensbereiche wie etwa Soziale Kontakte, Wohnen und Unterbringung, Bildung und Arbeit, Familie und Gesundheit werden darin behandelt.

Nach oben Zurück zur Übersicht