Kommune Jugendarbeit und Ehrenamt

„Wir wollen jedem Kind die Möglichkeit geben, wieder Kind zu sein.“

UNICEF hat zusammen mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und weiteren Partnern „Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften“ veröffentlicht, die stets weiterentwickelt und überarbeitet werden.
Mit Dr. Ceren Güven-Güres (UNICEF), Programme Specialist, Refugee and Migrant Response Germany bei UNICEF, sprach „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“ unter anderem darüber wie Kinder in Flüchtlingsunterkünften besser geschützt und unterstützt werden können.

Willkommen bei Freunden (WbF): Flüchtlingsunterkünfte sind für viele nach Deutschland kommende Menschen der zentrale Lebensmittelpunkt. Wie muss dieser optimal gestaltet werden? 

Ceren Güven-Güres (UNICEF): Aus der Sicht von UNICEF ist es zentral, dass Flüchtlingsunterkünfte nicht zu dauerhaften Wohnorten für Kinder und ihre Familien werden. Gleichzeitig muss alles dafür getan werden, den in den Flüchtlingsunterkünften lebenden Menschen ein schützendes und förderndes Umfeld zu bereiten. Dabei geht es nicht nur um die Gebäude und die räumliche Situation, sondern auch um die psychosozialen Hilfs- und Unterstützungsangebote sowie Angebote für die Freizeitgestaltung und soziale Teilhabe.
Gerade Kinder und Frauen, die oft aus stark benachteiligten Verhältnissen kommen oder schlimme Erfahrungen hinter sich haben, brauchen besondere Unterstützung. Gleiches gilt für andere Menschen mit spezifischen Bedarfen wie zum Beispiel geflüchtete Menschen mit Behinderungen. Flüchtlingsunterkünfte sollten daher auch Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz ihrer Bewohner und Bewohnerinnen in ihre Arbeit integrieren.
Vor diesem Hintergrund hat UNICEF zusammen mit dem BMFSFJ und vielen weiteren Partnern die „Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften“ entwickelt. Diese definieren Grundvoraussetzungen für den Schutz und die Unterstützung aller geflüchteten Menschen in den Unterkünften. Denn trotz zahlreicher Bemühungen sind viele Unterkünfte, egal ob es sich um eine Erstaufnahmeeinrichtung, eine Gemeinschaftsunterkunft oder ein dezentrales Modell handelt, noch nicht kindgerecht und sicher.

Wie werden Kinderrechte und Kinderschutz in Flüchtlingsunterkünften aktuell umgesetzt?

Deutschland hat 1990 die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet und 1992 ratifiziert. Allen Kindern, die sich in Deutschland aufhalten, stehen die darin verbrieften Rechte zu. Die entscheidende Frage ist, ob das in Flüchtlingsunterkünften auch umgesetzt ist. Kinder sind in erster Linie Kinder – ganz unabhängig davon, woher sie kommen und welchen Aufenthaltsstatus sie haben. Deshalb müssen den Einrichtungen detailliert die besonderen Bedürfnisse und Rechte der Kinder aufgezeigt werden. Dies beinhaltet nicht nur grundlegende Gesundheitsmaßnahmen und -kontrollen, sondern auch zum Beispiel das Recht auf Spielen, das Recht auf eine Familie und das Recht auf Zugang zu Bildung. UNICEF unterstützt und verfolgt zum Beispiel die Einrichtung und Umsetzung „kinderfreundlicher Orte und Angebote“ und setzt sich dafür ein, dass die Kinder rasch einen Zugang zu Bildungsmöglichkeiten erhalten. Es ist längst noch nicht selbstverständlich, dass alle geflüchteten Kinder, die zum Beispiel in einer Erstaufnahmeeinrichtung leben, in die Schule gehen können.

Wie kann der Gewaltschutz kontinuierlich in den Unterkünften verbessert werden?

Durch Dialog, Partizipation und das Aufbauen von einrichtungsinternen Systemen und Strukturen. Es ist wichtig, die Bewohnerinnen und Bewohner zu fragen, was sie brauchen und was sie wollen. Es ist auch unerlässlich, ihnen allumfassend zu erklären, was es in diversen Situationen mit sich bringt und bedeutet, in Deutschland zu leben. Dazu gehört auch die Erläuterungen zur rechtlichen und politischen Situation sowie zu kulturellen Gepflogenheiten. Denn viele Konflikte sind auf Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit zurückzuführen. Das Etablieren von regelmäßigen Gesprächsmöglichkeiten kann Konflikte zwar nicht ausschließen – aber ihre Wahrscheinlichkeit reduzieren helfen. Bewohnerräte, unabhängige Beschwerdemechanismen, regelmäßige Freizeitaktivitäten, soziale Beratungsangebote und psychosoziale Unterstützung sind nur einige Punkte, die zum Gewaltschutz beitragen können. 

Welche Rolle spielen die Mitarbeitenden in der Umsetzung des Gewaltschutzes?

Ich höre in fast allen Einrichtungen, dass die dort Beschäftigten Probleme haben, Konflikte zu deeskalieren. Es ist nicht einfach, wenn unter einem Dach Personen mit mehr als 20 Nationalitäten und unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammenleben. Daher ist es wichtig, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei zu unterstützen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern zusammenzuarbeiten. Interkulturelle Kompetenzen und Sensibilität zählen zu den wichtigsten Fähigkeiten, die das gesamte Personal eines Zentrums, einschließlich der Freiwilligen, mit sich bringen und fördern sollten. Vor allem aber müssen auch die vorhandenen externen strukturellen Barrieren beseitigt werden, auf die die Unterkünfte keinen direkten Einfluß haben, damit sie den Schutz der Menschen in den Unterkünften nachhaltig gewährleisten können. 

Wie sieht die Arbeit der Gewaltschutzkoordinatorinnen und -koordinatoren aus? 

Sie sind Vorreiter für Veränderung und Vertrauenspersonen für die Belange der geflüchteten Menschen – vor allem derer, die einen erhöhten Schutzbedarf haben, wie zum Beispiel Kinder und ihre Eltern. Sie haben eine Schlüsselrolle bei der Durchführung einer detaillierten Risikoanalyse, um mögliche Ursachen zu identifizieren, die Gewalt verhindern beziehungsweise verursachen können oder bereits verursacht haben. Dies ist ein partizipativer Prozess, an dem alle Menschen teilnehmen sollten, die in einer Einrichtung arbeiten, leben oder ehrenamtlich tätig sind. Beispielsweise ist die Gewaltschutzkoordinatorin eine Schlüsselakteurin unter der Aufsicht des Managements, um einen Schutzplan zu entwickeln, der kurz-, mittel- und langfristige Perspektiven für Prävention, Intervention und Schutz enthält. Dies ist ein „lebendiger Prozess". Die Risiken haben sich seit 2015 sehr gewandelt. Die demographische Zusammensetzung der geflüchteten Menschen hat sich zum Beispiel verändert, daher müssen die Risiken sowie die Reaktionen auf diese Risiken neu bewertet werden. Die Gewaltschutzkoordinatorinnen und -koordinatoren sind die treibenden Kräfte für die Vernetzung zwischen den verschiedenen Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und den in den Unterkünften lebenden Personen. Insgesamt werden die Gewaltschutzkoordinatorinnen und -koordinatoren sowohl in ihren Einrichtungen als auch darüber hinaus sehr gut angenommen. Sie betreuen mindestens drei weitere Zentren, abgesehen von ihren eigenen und sind auch untereinander vernetzt.

Wie kann die Umsetzung von Schutzkonzepten in den Unterkünften gewährleistet werden?

Dies ist ein kritischer Punkt, an dem UNICEF mit den Partnern der Initiative arbeitet. Es gibt Zentren, die die Mindestschutzstandards bereits als zentralen Bestandteil in ihren Tagesablauf integriert haben. Darüber hinaus gibt es Bundesländer, die Maßnahmen ergriffen und die Mindestschutzstandards für alle Zentren obligatorisch gemacht haben. Wir treten politisch dafür ein, die Einhaltung der Mindestschutzstandards deutschlandweit rechtsverbindlich zu machen und diese regelmäßig zu überprüfen. Das wäre ein großer Fortschritt.

Wie werden kinderfreundliche Orte und Angebote in den Unterkünften entwickelt? 

Kinderfreundliche Orte und Angebote (Child Friendly Spaces) sollen Kindern und ihren Eltern helfen, sich in einer sicheren Umgebung zu stabilisieren. Wir wollen jedem Kind die Möglichkeit geben, wieder Kind zu sein, mit anderen Kindern zu spielen. Das Konzept baut auf den Bedürfnissen der Kinder und Eltern auf und berücksichtigt die spezifischen Voraussetzungen in der Einrichtung und seiner Umgebung. Es sollte einen geeigneten Raum geben, der so mit Möbeln und Spielsachen ausgestattet ist, dass er Kinder unterschiedlicher Altersgruppen anspricht. Auch ein Raum außerhalb der Einrichtung kann zu einem sicheren Ort für Kinder und ihre Eltern umgebaut werden. Wichtig für diese kinderfreundlichen Orte und Angebote ist der Aspekt der Nachhaltigkeit. Die Angebote müssen durch professionelles Personal begleitet werden, das sich auf die individuellen Voraussetzungen der Kinder und ihrer Eltern einstellt. Es ist nicht immer einfach, Fachkräfte zu finden, die in allen verschiedenen Bereichen für die Bewohnenden da sein können. Aber dies ist auch eine Chance, die Familien wirklich einzubeziehen und andere Angebote zu ergänzen. Wichtig ist: kinderfreundliche Orte und Angebote sind kein Ersatz für einen Kindergarten. Sie können aber Orte sein, an denen Kinder zusammenspielen, singen oder ihre Hausaufgaben machen. Elternteile können dort zusammenkommen, um sich darüber auszutauschen, wie sie ihre Kinder unterstützen und wo sie ihre Kommunikationsfähigkeiten verbessern können und Kontakte knüpfen.

Wer beteiligt sich an deren Umsetzung?

Wenn kinderfreundliche Orte und Angebote aufgebaut werden, ist dies ein positiver Prozess für alle, die daran mitarbeiten und für die, die davon profitieren. Kinder und ihre Eltern sowie Führungskräfte, Mitarbeiterinnen beziehungsweise Mitarbeiter und Freiwillige arbeiten dabei Hand in Hand. Am Anfang sollte eine partizipative Bestandsaufnahme für Kinderfreundliche Orte stehen. Denn bevor Angebote entwickelt werden, müssen die Bedarfe erfasst und die Bedürfnisse der Kinder und ihrer Eltern erfragt werden. Leider ist das häufig nicht der Fall und alle Beteiligten erleben dadurch Frustrationen. Beteiligung ist der Schlüssel für erfolgreiche Aktivitäten in Flüchtlingseinrichtungen. 

Inwiefern werden die Bewohnerinnen und Bewohner in den Prozess der Erarbeitung und Umsetzung der Schutzkonzepte miteinbezogen?

Die Entwicklung eines einrichtungsinternen Schutzkonzepts bietet viele Partizipationsmöglichkeiten. UNICEF hat einen Leitfaden „Partizipative Risikoanalyse“ entwickelt. Er bezieht das Sicherheits- sowie das Catering-Personal, das Management, lokale Akteure, Bewohnende und sogar Nachbarn des Flüchtlingszentrums in die Analyse ein. Sobald die Risiko- und Schutzfaktoren identifiziert sind, wird der Schutzplan erarbeitet. Aber es gibt noch weitere Plattformen innerhalb und außerhalb des Flüchtlingszentrums, an denen oder durch die die dort lebenden Menschen beteiligt werden können. Räte, unabhängige Beschwerdestellen, Informationsveranstaltungen für die Bewohnerinnen und Bewohner, Treffen für Frauen (Frauen Café) und für Männer (Männer Café), sowie Arbeitsgruppentreffen auf kommunaler und lokaler Ebene können hier als Beispiele genannt werden. 

Wie werden die Bewohnerinnen und Bewohner der Unterkünfte über ihre Rechte aufgeklärt?

Durch Informationsveranstaltungen, soziale Beratung, durch andere Bewohner und Bewohnerinnen und durch ihre täglichen Erfahrungen lernen die Menschen ihre Rechte kennen. Nach unserer Erfahrung ist es wichtig, diese Informationen nicht auf Deutsch, sondern in ihrer Muttersprache zu geben. Gerade angesichts der hohen Fluktuation in vielen Einrichtungen sollte ein Infopaket zu den Rechten zum Standard gehören. In einigen Zentren ist dies aufgrund von Personalmangel, begrenzten zeitlichen Kapazitäten und/oder fehlenden Übersetzerinnen beziehungsweise Übersetzern nicht gewährleistet. In diesen Fällen können aber auch kleine Versammlungen als Alternative genutzt werden. Externe Expertise zu speziellen Themen kann ebenfalls an Bord geholt werden. Es ist auch wichtig, Menschen, die nie lesen und schreiben gelernt haben, nicht zu vergessen und ihnen Piktogramme zur Verfügung zu stellen. Das gilt ebenfalls für Kinder. In einigen der Zentren, in denen viele Jugendliche lebten, gab es Unterstützung, grundlegende Informationen in der jeweiligen Muttersprache zu vermitteln. 

Welche Effekte hat die Umsetzung der Mindeststandards auf die geflüchteten Menschen, aber auch die Mitarbeitenden in den Unterkünften? 

Die Mindestschutzstandards gelten für alle Menschen, die in einer Flüchtlingsunterkunft leben, arbeiten oder ehrenamtlich tätig sind. Gemeinsam schaffen sie einen gewaltfreien Ort zum Leben und Arbeiten. Wir haben sechs Mindeststandards und zwei Anhänge (ein weiterer Anhang wird aktuell für Menschen mit Traumafolgestörungen erarbeitet), definiert, die unter anderem das Personalmanagement, interne Strukturen, externe Zusammenarbeit, Prävention und Umgang mit Gewaltvorfällen, menschenwürdige und fördernde Rahmenbedingungen sowie Überwachung und Evaluierung des Schutzkonzepts als Schwerpunkte haben. Die Mindeststandards unterstreichen Grundvoraussetzungen für den Schutz und die Unterstützung aller geflüchteten Menschen in den Unterkünften und damit auch für einen reibungslosen Integrationsprozess. Zudem helfen sie, eine bessere Arbeits- und Wohnatmosphäre für die Mitarbeitenden und die Bewohnenden zu schaffen. Sie etablieren Strukturen, die die Arbeit erleichtern und den Integrationsprozess für die geflüchteten Menschen vereinfachen. Bewohnerinnen und Bewohner können gehört und aktiv in Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden. Die Mindeststandards sind inklusiv, was bedeutet, dass auch Menschen mit besonderen Bedürfnissen mitgedacht werden (beispielswiese Analphabeten, Personen mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen). All diese Punkte dienen dazu, Risiken zu minimieren und eine gewaltfreie Umgebung zu gewährleisten.

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