Jugendarbeit und Ehrenamt

Was willst du bewegen?

Ein Workshop in Weißenfels soll Ausgangspunkt sein für einen dauerhaften Dialog zwischen jugendlichen Asylsuchenden und lokalen Partnern.

Sie sind laut. Kräftig und ein wenig taktlos schlagen sie auf Bongos und singen „Hakuna Matata“ aus vollem Halse - „alles in bester Ordnung“. Schön wärs. 13 Jugendliche, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge  aus vier Einrichtungen des Burgenlandkreises sitzen zusammen im Gruppenraum des Kinder- und Jugendhauses Weißenfels. Das Trommeln ist gedacht als Ablenkung für sie, um den Kopf einmal frei zu machen. Eingeladen hat sie die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) aber nicht zum Musizieren, sondern als Experten in eigener Sache.

Die Welt bewegen

„Was willst du bewegen?“ fragt der vom Regionalbüro der Stiftung und dem Magdeburger Verein refugium e.V. organisierte Workshop. Im Rahmen des Programms „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“ findet der erstmals statt, idealerweise nicht das letzte Mal.
Die Antwort der Jugendlichen ist zunächst eindeutig: Die Welt wollen sie bewegen. Frieden wollen die Jungen schaffen und dauerhaft erleben. Vor allem aus Afghanistan stammen die Teenager, einige wenige aus Syrien. Erwachsen geben sie sich, männlich, albern untereinander herum, spielen „Fifa“ am Computer, Fußball auf dem Bolzplatz. Ihre Mütter, Brüder und Schwestern wollen sie nach Deutschland holen, in die Sicherheit, in der sie selbst schon leben.

Konkrete Vorstellungen und Wünsche

Hier in Deutschland haben sie keine Familie: Sie haben Heime, Vormünder, Betreuer. Die Jungen werden betreut. Sie gehen zur Schule, sie verfügen über Taschengeld. Dennoch besteht Potential zur Verbesserung. „Wie würdest du einem Freund, der gerade hier ankommt, Deutschland erklären?“, fragt Roland Bartnig vom refugium e.V., oder „Stellt euch vor, ihr wacht morgens auf und alles ist so, wie ihr euch das wünscht. Wie sähe das aus?“. Der 15-jährige Rashid würde dann Medizin studieren, sein 16-jähriger Bruder seine Erfahrungen lieber nutzen, um Jugendlichen in der gleichen Lage zu helfen, sich besser zurecht zu finden. Gerne würden sie Deutschkurse absolvieren und eine Regelschule besuchen. Sie würden gefragt, welcher Beruf ihnen denn gefiele und könnten den dann lernen. Sie dürften mitbestimmen, wenn es um die Regeln des Zusammenlebens geht. In ihrer Freizeit lernten sie Gitarre oder wären Mitglied in einem Sportverein. Sie hätten Fürsprecher und Betreuer, die vermitteln bei Konflikten der Jugendlichen untereinander. Sie hätten einen Vormund, der immer ansprechbar und anwesend ist. Im idealen Fall hätten sie eine Familie. Die Jungen kommen ins Reden. Die Trommeln schweigen. Durchs Fenster scheint die Sonne. Im Großen und Ganzen fühlen sie sich wohl, sagen sie. Sie sind untergekommen und haben die Chance auf ein Leben in Sicherheit.

Basis für Prozess in der Kommune

Die Anregungen der Jugendlichen wollen die Programmmitarbeiter von „Willkommen bei Freunden“ dem Burgenlandkreis vorstellen. Ein Leitfaden könnte daraus entstehen. Von jugendlichen Asylsuchenden für jugendliche Asylsuchende, sagt Steffi Otterburg von „Willkommen bei Freunden“, eine Interessensvertretung könnte aus dem Workshop erwachsen. „Die Jugendlichen wissen sehr genau, was sie wollen“, sagt ihr Kollege Jakob Lanman Niese, „es hört ihnen häufig nur niemand zu.“ Beeindruckt habe ihn, wie die Teenager sich von ihrer Rat- und Sprachlosigkeit am Anfang nicht haben unterkriegen lassen, sondern ihre eigene Hilflosigkeit auch als Chance begreifen, anderen in der gleichen Situation beizustehen, die eigenen Erfahrungen zu teilen. „Der Workshop wäre gut als Fortsetzungsprogramm“, sagt Jakob Lanman Niese, „um darüber auch dauerhaft in einen Dialog mit lokalen Partnern zu treten.“ Sportvereine, Schulen und Mitarbeiter der Wohnheime sollen später von den Ergebnissen der Fragerunde profitieren. Sie dient der Integration. „In den jungen Leuten schlummert viel Potential“, sagt Roland Bartnig. Die sprachlichen Defizite überdeckten nur zu häufig, was die Jungen und Mädchen tatsächlich leisten könnten und wollten. „Die wollen sich nützlich machen, man muss sie aber auch lassen“, sagt er. „Was willst du bewegen?“ ist deswegen durchaus auch als Frage zu verstehen, die in die Gegenrichtung gestellt wird - nicht nur an unbegleitete minderjährige  Flüchtlinge, sondern auch an jene, die jetzt mit ihnen zusammenarbeiten.

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