Jugendarbeit und Ehrenamt

Zusammenarbeit von Kommunen und ehrenamtlichen Helfern

Die Aufnahme von über einer Millionen geflüchteter Menschen seit Sommer 2015 wäre ohne die Zivilgesellschaft kaum möglich gewesen. In der Studie „Zivilgesellschaftliche Akteure und die Betreuung geflüchteter Menschen in deutschen Kommune“ haben der Politikwissenschaftler Rudolf Speth und die Stadtforscherin Elke Becker in drei Städten untersucht, wie sich die Arbeit der Freiwilligen und deren Kooperation mit Behörden und anderen Trägern entwickelt hat.
„Willkommen bei Freunden” hat mit Rudolf Speth darüber gesprochen, wie Kommunen ehrenamtliche Helfer unterstützen, welche Angebote gemacht werden und warum Helfergruppen eine Willkommenskultur vor Ort gefördert haben.

Willkommen bei Freunden (WbF): Können Sie kurz erläutern wie sich die Arbeit der Freiwilligen und deren Kooperation mit Behörden und anderen Trägern in der letzten Zeit entwickelt hat?

Rudolf Speth: Es gab immer schon Gruppen, die etwas mit Flüchtlingen gemacht haben. Die haben in den Unterkünften geholfen oder Deutschkurse gegeben. Als in der zweiten Hälfte letzten Jahres sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, hat sich die Struktur verändert. Es lässt sich jedoch schwer sagen, ob es sich in die eine oder andere Richtung entwickelt hat. Das Verhältnis von staatlichen Akteuren und Freiwilligen ist schon immer ein sehr spezielles und hängt stark von den Regionen ab. Die einen lassen freiwillige Arbeit mehr zu, die anderen sagen, dass es wichtig ist und dann gibt es wieder welche, die sagen, das machen wir alles selber. Das ist in Berlin anders als in Bayern oder Baden-Württemberg. Was man jedoch festhalten kann, ohne die Hilfe und das Engagement der Freiwilligen hätte der Staat das nicht geschafft. Manche Behörden sprechen darüber auch ganz offen, andere sagen gar nichts dazu.

WbF: Können Sie Beispiele nennen, wie das Zusammenspiel zwischen Kommunen und ehrenamtlichen Helfer aussehen kann?

Speth: Ich kann Ihnen anhand von zwei Beispielen deutlich machen wie groß die Spannweite ist: Das eine ist in Berlin rund ums LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales). Da gibt es „Moabit hilft“, das ist eine ziemlich fordernde, politisch agierende Gruppe. Die hat nicht gefragt, dürfen wir oder können wir, sondern die hat einfach gemacht. Mittlerweile sind sie relativ respektiert. Deren Präsenz hängt vom politischen Respekt ab, den die Gruppe genießt. Der hängt aber wiederum von ihrer Arbeit ab, von der Art und Weise was sie machen. Die sind relativ konfrontativ, organisieren auch Demonstrationen und mischen sich in politische Dinge ein, wie etwa Veränderungen des Asylrechts. In Berlin war das Verhältnis von Freiwilligen und staatlichen Behörden schon immer konfrontativ. Man verträgt und respektiert sich, aber die Freiwilligen stellen auch eine bestimmte politische Macht dar.

Ganz anders ist es im Landkreis Starnberg, da ist es eher ein friedliches und zuvorkommendes Miteinander. Auch der Landrat sagt ganz offen, ohne die Freiwilligen hätten wir es nicht geschafft. Hierzu kann ich ein Beispiel aus der Gemeinde Feldafing nennen. Dort leben in einer Unterkunft ein paar Männer aus Syrien. Im Januar ging ihnen plötzlich an einem Freitag das Öl aus, also auch keine Heizung mehr. Bis das zuständige Landratsamt Öl bestellt hätte, wäre es Montag. Daraufhin hat einfach eine Frau aus der Helfergruppe Öl gekauft, auf eigene Rechnung. Das ging nur, weil sie wusste, dass der Landrat hinter ihr steht und die Rechnung begleichen wird. Dort herrscht ein viel stärkeres Miteinander, weil man sich kennt. Vereinfacht könnte man sagen: In Berlin ist das Verhältnis eher konfrontativ und in Starnberg kooperativ.

WbF: Wie lassen sich die Unterschiede erklären?

Speth: Grundsätzlich gibt es in der Großstadt meist weniger Engagement, großstädtische Strukturen sind für bürgerschaftliches Engagement nicht förderlich. In Berlin ist der Umgang mit Institutionen aber auch generell konfrontativer.

WbF: Konnten Sie auch feststellen, dass die Helfergruppen eine Willkommenskultur vor Ort gefördert haben?

Speth: Ich habe den Eindruck, dass die bayerischen Verwaltungen relativ gut waren. Die Landräte sind einfach in die Gemeinden und haben mit den Bürgermeistern, den Ortssprechern und Leuten aus den zivilgesellschaftlichen Organisationen Bürgerversammlungen gemacht und gesagt: „Ihr müsst jetzt Helfergruppen gründen, weil demnächst Flüchtlinge kommen.“ Und dann haben die das alle gemacht. Das war eine sehr offensive Strategie der Landräte, die das angestoßen haben, weil sie genau wussten, wir brauchen die Helfergruppen nicht nur zur Unterstützung der Geflüchteten, sondern weil sie auch in den Ortschaften die Akzeptanz fördern können. Damit kann man die Gegner eher in Schach halten.

WbF: Etabliertes bürgerschaftliches Engagement und spontane Helfergruppen. Wie arbeiten die zusammen?

Speth: Es gibt eine gestufte Zuständigkeit. Die Erstverteilung läuft über staatliche Organisationen und dann wird nach dem Königsteiner Schlüssel verteilt. Jedes Bundesland erhält eine bestimmte Anzahl an Geflüchteten. Die Notunterkünfte und Erstaufnahmeeinrichtungen werden von Wohlfahrtsverbänden betrieben, Sozialunternehmen, zum Beispiel die AWO in Berlin, ein erfahrener Betreiber mit 12 Unterkünften. Die wissen wie man sowas macht. Und die organisieren Freiwillige um sich herum. Die großen Organisationen sind Teil der staatlichen Wohlfahrtsbürokratie. Die haben dann ein Freiwilligen-Management und da werden sie durchgecheckt. Helfergruppen docken sich an die Unterkünfte an. Zudem rekrutieren die Wohlfahrtsverbände auch aus ihrem eigenen Pool. Das gilt vor allem für Großunterkünfte. Die Sozialunternehmen übernehmen eine wichtige Steuerungsfunktion in dieser ganzen Gemengelage, man könnte sie als Gatekeeper bezeichnen.

WbF: Ein immer wichtigeres Thema ist die Hilfe für Ehrenamtliche. Viele merken selber nach einiger Zeit, dass sie Unterstützung brauchen. Welche Angebote gibt es da?

Speth: Meine Beobachtung ist, dass wir unterschiedliche Geschwindigkeiten haben. Plötzliche kamen sehr viele Flüchtlinge. Der Staat war hilflos und als erstes haben sich die zivilgesellschaftlichen Helfergruppen gebildet und das auch recht schnell. Der Staat brauchte einfach etwas länger, um sich zu sortieren. Aber wenn die Maßnahmen in die Gänge kommen, dann laufen sie. Die zivilgesellschaftlichen Gruppen hingegen haben rasch angefangen, merken aber, dass der Staat besser geworden ist, mehr Ressourcen hat und ihnen langsam die Luft ausgeht.

Staat und etablierten Organisationen spielen ihren Organisationsvorteil aus, sie haben mehr Ressourcen. Dort bekommen die Mitarbeiter Supervision, Fallbesprechung oder Coaching. Alles was die spontanen Helfergruppen nicht haben. Aber wir brauchen diese zivilgesellschaftlichen Helfergruppen und daher muss denen unter die Arme gegriffen werden. Aus diesem Grund wurden an vielen Stellen Flüchtlingskoordinatoren eingestellt. In vielen Regionen ist der Job der Koordinatoren, die Helfergruppen zu unterstützen. Die Helfer brauchen jemanden, mit dem sie sprechen können.

WbF: Und wie sieht es mit Weiterbildungsangeboten von staatlicher Seite aus?


Speth: Leider gibt es da nach meinen Erkenntnissen gar nichts. Obwohl alle wissen, dass wir diese Helfergruppen nicht allein lassen dürfen. Eigentlich könnten die Freiwilligenkoordinatoren das steuern. Helfergruppen sind ein wichtiges Kapital, weil man darüber die Flüchtlinge an die Hand nehmen kann. Und zum Beispiel bei den Integrationskursen, da geht es darum, den Leuten Werte zu vermitteln. Werte vermitteln funktioniert am besten, wenn man mit den Leuten etwas unternimmt, wenn man mit den Menschen lebt.

WbF: Gibt es noch weitere Angebote?

Speth: Es gibt auch nichtsystematische Angebote von Helfern für Helfer in Bezug auf Supervision, sowas muss man natürlich längerfristig anbieten und genau dort liegt das Problem: Freiwilliges Engagement ist meist ein ständiges Auf und Ab. Es ist auch ein Problem von Verantwortlichkeit und Langfristigkeit. Man muss irgendwie eine Vereinbarung treffen, dass der Freiwillige zum Beispiel immer Donnerstagmittag da ist. Es müssen konstante Arbeitsstrukturen aufgebaut werden, nur dass die Freiwilligen kein Geld bekommen. Die Schwierigkeit ist, diese verbindlichen Strukturen zu schaffen, sonst zerstören sich die Leute selber. Sowas kann niemand über Monate hinweg machen. Da braucht man Unterstützung, da müssen sie jemanden haben, bei dem sie auch Supervision in Anspruch nehmen können.

WbF: Bald sind die Jobcenter in Bezug auf die Geflüchteten gefragt: Ist das Personal geschult darin, mit den Freiwilligen zusammenzuarbeiten und zu vermitteln?

Speth: Genau, seit dem 1. März haben diejenigen, die eine Bleibeperspektive haben, die Möglichkeit in die Obhut der Jobcenter überzugehen. Die Jobcenter haben eigentlich keine Erfahrung im Umgang mit Freiwilligen, im Prinzip müsste man sie darin trainieren. Sie sind ja nicht nur für den Zugang zum Arbeitsmarkt zuständig, sondern eigentlich für die gesamte Betreuung der Geflüchteten. Diese zweite Phase der Integration ist viel komplizierter, dauert viel länger und ist nicht einfach, weil die Leute die Sprache nicht können. Die Sprache lernt man ja auch nicht mal so schnell nebenbei. Und wir haben auch keine verlässlichen Daten über Berufsqualifikationen.

Es dauert also bis man den Arbeitsmarktzugang organisiert hat. Und da sind die Helfergruppen auch extrem wichtig, weil sie auch den Zugang zum Arbeitsmarkt mitorganisieren können. Wer viele Leute kennt, ist weniger von Arbeitslosigkeit bedroht. Man kriegt eher Arbeit, wenn man soziale Kontakte hat, als wenn man zum Jobcenter geht. Interethnische Kontakte sind extrem wichtig. Helfergruppen können Zugang in die Mehrheitsgesellschaft organisieren. Der Spracherwerb hingegen kann von spontanen Helfergruppen schwer organisiert werden.

WbF: Vielen Dank für das Gespräch.

Speth: Gerne.

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